Heute vor elf Jahren, am 26. Mai 1995, fand in Alsdorf die Uraufführung des Musicals “Gaudì” statt. Warum ich genau nach elf Jahren darauf komme, hat nichts mit karnevalistischer Jubiläumstradition zu tun. Der Grund ist viel einfacher zu beschreiben: Zur zehnjährigen Erinnerung an die Musical-Uraufführung habe ich dieses Tagebuch noch nicht geführt.
Was damals in der “Euro Musical Hall” begann, die heute nur noch Stadthalle (Foto) heißt, ist der Stoff, der selbst für ein Musical, taugt. Ein durch und durch Tragisches. Mit zwei Protagonisten, die fest an den Erfolg glaubten. Der eine Visionär: Friedrich Carl Coch, Geschäftsführer von Warner Music Manufacturing Europe (WMME). Der andere brillanter Darsteller: Martin Moss, Hauptfigur auf der Bühne. Coch war Chef des damals erfolgreichsten Alsdorfer Unternehmens und wollte sich einen Lebenstraum als Musical-Produzent erfüllen. Mein Ex-Kollege Hanno Neustadt war in dieser Zeit einige Wochen lang Pressesprecher von „Gaudí“. Mit einer alten schwarzen Sprit schluckenden E-Klassen-Limousine reiste er damals täglich aus Köln an. „Ich will dir ja nicht zu nahe treten, Udo, du bist schließlich Alsdorfer“, sagte er einst einfühlsam. „Aber ich glaube, die kriegen nicht genügend Leute hierher, damit die Nummer auch wirtschaftlich rund läuft“. Darauf konnte ich nichts entgegnen. Weder kannte ich Cochs Kalkulation noch seine wirtschaftlichen Ziele. Ich kannte Coch eigentlich nur vom Sehen. Einen Siebener BMW, wie alle erfolgreichen Manager in den 90ern, fuhr er. Ob er mich kannte, weiß ich nicht.
Mit Riesenwirbel, rotem Teppich und NRW-Politprominenz ging schließlich die Premierenshow des Musicals mit dem katalanischen Architekten Antoni Gaudí als Namenspatron über die Bühne. Gaudí, das ist skurril, starb in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bei einem Unfall mit einer Straßenbahn in seiner Heimatstadt Barcelona...
Trotz spitzenmäßiger Inszenierung, opulenter Technik, hervorragenden Darstellern, allen voran Martin Moss als "Mark Winner", reichte das Zuschauerpotenzial nicht aus, das Musical in Alsdorf langfristig am Leben zu erhalten. Nach genau 411 Aufführungen kam das Aus für „Gaudí“ in der ehemaligen Zechenstadt.
In Köln sollte es weitergehen. Hinter dem Dom wurde hastig ein blaues Musicalzelt mit über 1.700 Plätzen unter rund 30.000 Quadratmetern PVC beschichtetem Gewebe errichtet. Wegen seiner intensiv leuchtenden blauen Farbe nannten die Kölner den neuen Musical Dome auch „Müllsack“, schrieb damals der „Kölner Stadtanzeiger“. Bis 1998 wurde Gaudí in Köln aufgeführt. 70 Prozent der Sitze hätten pro Vorstellung besetzt sein müssen, dann wär‘s wirtschaftlich wohl rund gelaufen. Es waren weniger. Im Frühjahr 1998 meldete „Gaudí Musicals“ Insolvenz an. Seitdem präsentiert eine Düsseldorfer Musical-Schmiede ihr Stück „Saturday Night Fever“ im Zelt am Rhein.
Tragisch: Ein Jahr nach dem Ende von “Gaudí” starb Friedrich Carl Coch 1999 in seinem Haus in Roetgen (Kreis Aachen). Herzversagen. Nicht weniger tragisch: Martin Moss, umjubelter Hauptdarsteller, überlebte seinen ehemaligen Arbeitgeber nur um drei Jahre. Moss starb im Alter von 46 Jahren am 28. September 2002 im Aachener Klinikum, nachdem er aus ungeklärten Gründen in der Aachener Innenstadt zusammengebrochen war.
Was bleibt ist die Erinnerung der zahlreichen Fans. Für sie gibt es ab und zu “Gaudí”-Revivals, die von John Cashmore, ebenfalls Gaudí-Darsteller und seiner Entertainment-Firma, organisiert werden. Unter www.gaudi-das-musical.de finden sich aktuelle Informationen zu geplanten Aufführungen.