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Ich muss gestehen, als Bewohner Begaus komme ich nur gelegentlich ins Alsdorfer Zentrum. Die Gründe liegen auf der Hand. Zum Autobahnanschluss nach Aachen ist es nur ein halber Kilometer. Und nach gut zehnminütiger Fahrt bin ich bereits mit dem Automobil am Aachener Europaplatz. Außerdem arbeite ich in der Kaiserstadt. Dennoch: Behördengänge und gelegentliche Kinobesuche führen mich ins Zentrum von Halden City. Halden City deshalb, weil die Stadt wegen ihrer kantigen Abraumhalden aus der Zechenzeit und der weisen Kommunalpolitik weit über ihre Grenzen hinaus Berühmtheit erlangte...

RotNehme ich den kürzesten Weg über die Eschweilerstraße fahre ich hinter der einmündenden Carl-Zeiss-Straße an einem eigentümlichen Gebäude vorbei. Es liegt aus Richtung Mariadorf kommend auf der rechten Seite. Und es ist - ehrlich gesagt - kein Gebäude mehr. Eher eine Ruine mit zahlreichen Trümmern. Vor vielen, vielen Jahren war dort der Sitz der Teppichfirma Rot. Bis zu jenem Sonntagnachmittag. Dann nämlich stand eine schwarze Rauchsäule über Alsdorf - und die Teppichhandlung in Flammen. Ich glaube, es war noch vor dem 11. September und ich hielt die Angelegenheit nicht für weiter beunruhigend. Sonntagnachmittagsbrände hatten damals eine gewisse Tradition in Alsdorf.

RoterIn der Tat, als ich meinen ersten Sonntagsnachmittagbrand erlebte, war ich noch ein kleiner Junge. Damals loderten Flammen aus einer Werkhalle nahe der Montanstraße in Mariadorf. Kunststoffe waren dort gelagert. Mann, war das ein Gestank. Dazu der schwarze drückend quellende Qualm. Und die vielen Feuerwehrautos. Da war richtig was los. Zwei oder dreimal erlebte ich als Heranwachsender in Alsdorf ähnliches. Inzwischen hält sich meine Begeisterung beim Anblick von Feuerwehrleuten vor qualmendender Kulisse in Grenzen. In engen Grenzen.  

Die Rot-Ruine in ihrer ganzen PrachtDie Sache mit der Rot-Ruine fand schließlich ein gerichtliches Nachspiel, da an einem sonnigen Sonntagnachmittag in der Regel schwerlich weder Blitzeinschlag, Schmorbrände in der Elektroverkabelung noch heißgelaufene Maschinen als Ursache einer Feuersbrunst in Frage kommen. Gelegentlich gilt in sonderbaren Fällen wie diesem das umgekehrte Sankt-Florians-Prinzip: “Heiliger Sankt Florian, verschon’ den andern, zünd’ meine eigene Firma an!” Zum besseren Verständnis an dieser Stelle ergänzend der Originaltext. Er ist dem katholischen Schutzheiligen offenen Feuers, züngelnder Flammen sowie Rauchvergiftungen aber auch Löschwasser und Brandsalbe gewidmet: "Heiliger Sankt Florian, verschone mich, zünd' andere an."

Wie auch immer die Sache abschließend juristisch zu bewerten war. Fakt ist, dass noch Jahre später schwarze Balken, Steinhaufen und verkohltes Mauerwerk vom damaligen Geschehen künden. Und das hat sicherlich tiefere Gründe. Ich, ganz persönlich, neige zur sozio-kulturellen Interpretation. Denn logistisch gesehen, wäre es ein Leichtes, die verbliebenen Mauerreste abzutragen und den Schutt per Bulldozer und Lastkraftwagen zu beseitigen.

Ich denke da zum Beispiel an die Akropolis in Athen. Als der antike Tempelberg vor Jahrhunderten nach einem Angriff der Türken schwer beschädigt worden war, wollten sich die Athener auch nicht ohne weiteres von den Trümmern trennen. Unter den Stadtvätern fand sich offenbar niemand, der sagte: “Kommens, Jorjos, lass uns der Driss mit der LKW ens noh de Kipp fahre!” Heute profitiert Athen von dieser weisen Entscheidung. Die Akropolis ist der Touristenmagnet schlechthin in der ansonsten Smog geplagten griechischen Metropole. Und sogar Vertreter des deutschen Schlagers nahmen sich des historische Baudenkmals an. Nana Mouskouri zum Beispiel. Oder war es Vicky Leandros? Jedenfalls heißt der Song "Akropolis adieu".

Heute ist auch die Rot-Ruine untrennbar mit der Alsdorfer Stadtgeschichte verbunden. Als stummer Zeuge gemahnt sie an einen der spektakulärsten Sonntagsnachmittagsbrände in den letzten Jahrzehnten. Und sie wird, so hoffe ich, wie die steinernen Überreste der Akropolis für kommende Generationen eine wertvolle Einnahmequelle im aufblühenden Alsdorfer Fremdenverkehrsgeschäft darstellen...

Alsdorf, 16. April 2006