Es ist schon bemerkenswert: Mir ist kaum eine Stadt bekannt, in der Teile der Verwaltung eine solche Eigendynamik entwickelt haben und kultivieren wie in Alsdorf. Jüngstes Beispiel: die Kanalsanierung im Stadtteil Ofden. Offenbar ohne Rücksicht auf Verluste beziehungsweise den Bürger will man einen Zeitplan durchpeitschen und die betroffenen Einwohner dabei kräftig zur Kasse bitten. Obwohl Vertreter der inzwischen mehr als 150 Ofdener Haushalte als Mitglieder zählenden Bürgerinitiative offene Fragen diskutieren wollten, gab’s kaum Antworten. Nur Ausweichendes, Hinhaltendes sowie die offene Verweigerung von Informationen. Dialog? Kommunikation? Schlimmer noch: „Wenn die Bürgerinitiative der Verwaltung unterstellt, gegen die Bürger zu arbeiten, dann ist das unverschämt“, trompetete vergangene Woche Baudezernent Harald Richter in der Lokalpresse. Nur? Die Bürgerinitiative hat dies nicht unterstellt. Warum sollte sie?
Es zeigt allerdings, wie sich der Herr Dezernent seine Wirklichkeit zusammenbaut. Das Stichwort lautet: selektive Wahrnehmung. Damit auch er es versteht, hier die Sache noch einmal in ganz einfachen Worten: Hier ich – ich Harald, ich guter Mensch, nein, superguter Mensch, macht keine Fehler, niemals! Da drüben: Bürger – Bürger: unverschämt, Nestbeschmutzer und so weiter und so weiter. Freilich, die Medaille hat noch eine andere Seite: Hätte der Mann im Job nämlich alles fein und ordentlich gemacht, dann hätte man ihm Ende vergangenen Jahres wohl kaum zentrale Kompetenzen entzogen und diese dem Bürgermeister zugeordnet. Zuvor offenbarten sich noch zahlreiche Spitzenleistungen unseres geschätzten Dezernenten, die 2007 sogar Ministerialdirigent Hans-Dieter Collinet aus dem NRW-Wirtschaftsministerium auf den Plan riefen, der in einem Schreiben an den Bürgermeister den mangelhaften Pflegezustand des Anna-Parks beklagte und so weiter und so weiter. Doch wir wollen hier nicht alteKamellen aufwärmen: diese kann man, wenn man mag, per Hyperlink im Tagebüchlein nachlesen.
Fest steht: Mit seinem aktuellen Auftritt hat Richter allen Beteiligten in unserer Heimatstadt einen Bärendienst erwiesen. Denn nach dem Bericht in der Lokalpresse sieht’s nun so aus, als ob sich die Fronten wirklich verhärten.
Doch wie kann es sein, dass Teile einer Verwaltung die Interessen des Bürgers so systematisch ignorieren wie in unserer Stadt? Meiner Ansicht nach sind die Wurzeln unserer Alsdörper Disease, der Alsdorfer Krankheit, in der Vergangenheit zu suchen. Und zwar in der Zechenzeit. Damals schaute der Bergmann – manch einer war des Lesens und Schreibens kaum mächtig – voller Erfurcht auf den Amtmann, der eloquent und Paragraphen reitend, stets in Gesprächen Oberhand gewann und seine Vorstellungen durchzusetzen vermochte. Die Zeiten haben sich zwar geändert, aber die Amtmänner von damals haben diese Erfahrungen noch auf die nächste Verwaltungsgeneration, vertreten durch unsere heutigen Dezernten, übertragen. Daher haben es die Jungs aus der Verwaltung in der Nach-Zechenzeit wohl auch irgendwie verpasst, sich mit Themen wie „Dialog“ und „Kommunikation“ zu beschäftigen. Nach alter Tradition glaubt man in Alsdorfer Amtsstuben nämlich weiterhin, dem Bürger haushoch überlegen zu sein und ihn als Gesprächspartner nicht ernst nehmen zu müssen. Hinzu kommt noch ein weiteres Phänomen: Alsdorfs schwache Bürgermeister der vergangenen Jahre, von denen keiner in der Lage war, die gewonnene Eigendynamik mancher Verwaltungsvertreter einzudämmen.
Blicken wir noch einmal zurück: Mit dem Abgang von Josef Thelen (1984 bis 1989) verlor die ehemalige Zechenstadt den letzten - aus meiner Sicht - richtigen Bürgermeister. Thelen (SPD), freilich, war nicht jedermanns Sache. Dennoch lief nichts an ihm vorbei. Danach ging‘s rapide bergab. Es folgten die Sozialdemokraten Helmut Janus (1989 bis 1992) und Friedel Frings (1992 bis 1994), die mehr mit sich selbst beschäftigt waren, denn politische Akzente setzen konnten. Mangels Führung begann sich die Verwaltung mehr und mehr zu verselbstständigen. Denn die Menschen vom Amt blieben die einzigen Konstanten im Rathaus. Hinzu kam der unselige Parteienstreit. Es folgte schließlich Helmut Brandt (CDU, 1994 bis 1999) auf den Bürgermeistersessel, um danach als Abgeordnete gen Berlin zu ziehen, sowie der schwarz-grüne Kompromiss-Kandidat Wolfgang Schwake (1999 bis 2004). Die heutigen Dezernten Klaus Spille und Harald Richter – beide seit rund 25 Jahren dabei - überstanden auch diese, ihre Vorgesetzen, sammelten Erfahrung, Wissen, Einfluss. Richter wurde sogar befördert. So konnte über Jahrzehnte hinweg die personell weitgehend konstante Verwaltung ihre gewonnene Eigendynamik und Ignoranz dem Bürger gegenüber kultivieren, ja weiter festigen.
Mit der Beschneidung der Kompetenzen der beiden Dezernenten Richter und Spille Anfang 2008 wagte die Alsdorfer Politik einen Neuanfang. Denn die Zeiten haben sich längst geändert: Aufgewacht! Es gibt längst keine Bergleute mehr in Alsdorf. Stattdessen – auf Grund des Strukturwandels – immer mehr gut ausgebildete Menschen: Verwaltungsexperten, Juristen, Ingenieure, IT-Spezialisten, Manager, Kaufleute, Unternehmer mit ihren Familien – und die lassen sich von Verwaltungsvertretern, und mögen diese auch noch so tricky oder arrogant auftreten - heute kein x mehr für ein u vormachen. Im Gegenteil...