Am 11. November 2007 ging sie im Tagebuch an den Start: meine kleine Serie mit Alsdorfer Argumenten, die man immer dann zu hören bekommt, wenn es darum geht, dass Vertreter der Verwaltung eine vom Bürger zumindest gerne gesehene Leistung nicht erbringen beziehungsweise nicht erbringen wollen. Wir erinnern uns. Vier Argumente habe ich im Laufe der Zeit sammeln und notieren können:
4. Herr Foerster, woanders sieht es noch viel schlimmer aus…
Heute, im zweiten Teil meiner kleinen Betrachtung kommunalen Wirtschaftens der Spitzenklasse, nein der internationalen Oberspitzenklasse, sind wir beim Kernargument angekommen. Das da lautet: Die Stadt hat kein Geld. Nun, ich will nicht unfair sein. Seit 1994 unterliegt die Stadt schließlich einem immer weiter fortgeschriebenen Haushaltssicherungsverfahren.
Und es sieht wirklich mau aus im Alsdorfer Stadtsäckel. Um nicht zu sagen: Mega-mau. Schaut man sich einmal die kommunale Haushaltssatzung 2007 vom 6. November 2006 an, erhält man einen Eindruck über die in der Tat schwierige Situation. So beläuft sich der Gesamthaushalt der Stadt (Haushaltsansatz, Ausgabenseite) im Jahr 2006 auf knapp 114 Millionen Euro. Dem gegenüber stehen Einnahmen über rund 75 Millionen Euro. Der so genannte Fehlbetrag, der auch sämtliche über die Jahre hinweg aufgelaufen Verbindlichkeiten - sprich kommunale Schulden - umfasst, beläuft sich hier auf rund 39 Millionen Euro. In einem weiteren Tableau des gleichen umfangreichen Dokuments geht man für 2006 sogar von einem Defizit über 41,3 Millionen Euro und für 2007 von 43,9 Millionen Euro aus. Allein die Zinszahlungen 2006 betragen rund 2,3 Millionen Euro.
Es ist wirklich zum Jammern und Zähneklappern. Bürgermeister und engagierte Kommunalpolitiker werden daher nicht müde, den Bürgern unserer Stadt - redlich und glaubhaft - zu versichern, dass mangels Monetärem vielerlei Leistungen nicht zu erbringen seien. Gebetsmühlenartig. Und der Bürger nimmt es mal murrend, meist jedoch klaglos hin. Beispielsweise den Verfall von Tier- und Freizeitpark oder die Tatsache, dass die Schulen vergammeln, verfallen, verrotten und verkommen, obwohl sich Alsdorf einst „Schulstadt“ nannte. Und wenn sich nach jahrelanger Abstinenz die Kommune dazu durchringt, wieder die Fenster der Schulgebäudeputzen zu lassen, ist dies mit einem Medienauftrieb der Sonderklasse verbunden. Weil es sich hier nach Auffassung von Beobachtern schon um eine kleine Sensation handelte.
Doch neusten Erkenntnissen zufolge dürfte die Finanzkrise in Alsdorf so dramatisch nicht sein. Jawohl, Sie haben richtig gelesen. Denn mancherorts im Rathaus scheint der Begriff „sparen“ ein Fremdwort unbekannter Herkunft. Und man gibt das Geld offenbar mit leichter Hand aus. Für Gutachten und ähnliche Tätigkeiten beispielsweise. Entsprechende Unterlagen liegen „Alsdorf für Insider“ jetzt vor. So kletterten nach einer Aufstellung vom 31. Oktober 2007 im Jahr 2006 die jährlichen Gutachterkosten sogar auf ein Spitzenniveau von rund 850.000 Euro. In alter Währung, das macht die Summe noch immer leichter fassbar: rund 1,7 Millionen Mark.
Exakt belief sich die „Summe der beauftragten freiberuflichen Leistungen (Architekten-, Ingenieur-, Planungs- und Beratungsaufträge und Leistungen von Gutachtern und Sonderfachleuten) im Haushaltsjahr 2006“ auf 849.714,20 Euro. Im Jahr 2005 fielen für Leistungen gleichen Zuschnitts genau 810.382,82 Euro an, während es 2004 „nur“ 510.801,18 Euro waren. Und in welchem Dezernat, liebe Freunde, geneigte Leser, wurde am meisten Kohle für Gutachten und Sonstiges verballert? Pardon: ausgegeben. Richtig, im Dezernat III nämlich. 2006 waren es genau 758.187,91 Euro, 2005 fielen 709.250,24 Euro an, während die Summe 2004 „nur“ 529.388,85 Euro betrug. Hätte man diese Gelder nicht für die Auftritte von Architekten, Ingenieuren und sonstigen Dienstleistern aufgewandt und stattdessen in die Wartung und Pflege von Schulgebäuden und anderen Einrichtungen gesteckt, würde es in Alsdorf im Allgemeinen wahrscheinlich weitaus weniger abgewrackt aussehen. Pardon: desolat.
Auch der Blick ins Detail freilich lohnt. Denn die Auflistung vom 31. Oktober 2007 für 2006 offenbart auch Firmennamen beziehungsweise Namen von Personen, die von der Stadt Alsdorf Honorare erhielten. Hinzu kommen die genauen Auftragssummen. Vier Personen fallen in diesem Zusammenhang auf. Zwei sind mir von ihrer kommunalpolitischen Arbeit in der Stadt her geläufig, einer ist mehr dem Vereinsleben zuzurechnen. Und dann gibt es noch einen, dessen Name mich nachdenklich stimmt. Er ist im Allgemeinen als Fotograf bekannt und erhielt laut Unterlage für als „Modellbau“ bezeichnete Leistungen 2006 zwei Zahlungen.
Angesichts des Gesamtbefunds scheint es angebracht, dass sich die Mitglieder des Rates - vor allem im Tagesgeschäft - intensiver mit dem Thema Auftragsvergabe für Gutachten & Co. beschäftigen. Denn es ist wahrlich ein Faustschlag ins Gesicht des Bürgers: Einrichtungen für diesen, allem voran unsere Schulen vergammeln, verfallen, verrotten und verkommen, während andererseits - trotz Haushaltssicherung - Gelder für Gutachten, Berater und Sonstige insgesamt in beträchtlicher Höhe fließen. So erinnert Alsdorfs Kommunal-Kassette leider am Ende mehr an einen löchrigen Eimer denn an einen sicheren Tresor.