Irgendwann in einem ausklingenden Winter. Vor ein oder zwei Jahren. Christiane und ich kamen mit dem Automobil die Autobahn entlang. Von Düsseldorf. Ich saß am Steuer. Wir hatten gerade die Ausfahrt „Aldenhoven“ hinter uns gelassen, als Christiane seitlich aus dem Fenster schaute. „Da drüben liegt deine Heimatstadt“, sagte sie. „Ja“, meinte ich: „Alsdorf-City mit den berühmten kantigen Bergen, wie unsere Praktikantin neulich bemerkte.“ „Genau“, antwortete Christiane. „Schau dir einmal die Kulisse an: Fünf Berge bilden ein Panorama. Ist schon irgendwie beeindruckend.“ Ich riskierte einen Blick. Schließlich verschob sich die Perspektive, das Fahrzeug bewegte sich schnell und die Berge begannen einander mehr und mehr optisch zu überlagern. Unwillkürlich fing ich an, über den Steinkohleabbau in der Region zu dozieren. Als „Heimatdichter des Informationszeitalters“, wie ich mich jüngst in einem Bericht der Aachener Nachrichten charakterisieren durfte, erlaubte ich es mir.
Doch es waren weniger die Fakten, die Christiane interessierten. Vielmehr faszinierte sie die Halden-Formation. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, meinte meine Kollegin. Und da sie als Marketingspezialistin häufig in den Kategorien ihres Fachs denkt, fügte sie hinzu: „Einzigartig.“ Einzigartig. Einmalig. Unverwechselbar. Das sind die höchsten Attribute, die Marketingleute dem Gegenstand ihrer Betrachtung beimessen können. Weil auch mir diese Denkweise nicht fremd ist, konnte ich mich rasch mit ihrer Sicht der Dinge anfreunden. Dennoch begann ich zu diskutieren. „Erinnert mich an das Siebengebirge bei Bonn“, hob ich an: „Kann man auch von der Autobahn aus sehen. Allerdings sind die Berge wesentlich höher.“ „Na gut“, wandte sie ein: „Nenn‘ das doch hier das Fünfer-Gebirge“. Ganz auf Heimatdichterkurs, musste ich spontan widersprechen, denn der Begriff „Fünfer“ erinnerte mich zu sehr an eine bestimmte Baureihe eines bestimmten bayerischen Automobilherstellers. Der Begriff „Fünf-Gebirge“ wiederum schien mir weniger passend zu sein. Außerdem klingt es, als wäre Alsdorfs Ensemble nur Abklatsch des traditionsreichen Siebengebirges. Aus Marketingsicht eine unter Umständen sogar minderwertige Kopie. „Me too“, wie man in der Zunft sagt.
Das Gespräch mit Christiane beschäftigte mich eine Weile. Und da die Halden das Panorama der Stadt weithin sichtbar prägen, fiel mir als Synonym für Alsdorf in meinem Tagebuch die Bezeichnung „Halden City“ ein. Leider besitzt dieser Name, ursprünglich neutral gemeint, durch die häufige Nennung in Zusammenhang mit den Spitzenleistungen unseres kommunalen Spitzenmanagements eine - sagen wir einmal - eigentümliche Färbung. Wie dem auch sei. Je mehr ich mich mit dem Thema „Halden“ beschäftige, desto differenzierter wird mein Blick. Ich sehe zunächst die fünf größten, ursprünglich schwarzen Berge, die rund fünf Prozent (1,6 Quadratkilometer) der Gesamtfläche Alsdorfs (31,7 Quadratkilometer) bedecken. Zwei von ihnen in Hoengen und Mariadorf - der Jaspersberg und die Halde Maria Hauptschacht (Foto). Ich selbst bin im Schatten des rund 60 Meter hohen und inzwischen zu 90 Prozent begrünten Jaspersbergs aufgewachsen. Dazu die drei Alsdorfer Halden. Die Halde Anna 1, Alsdorfs älteste Abraumlagerstätte an der B 57 Richtung Würselen, deren erste Aufschüttung 1850 begann. Weil in ihrem Inneren glühende Schlacken noch heute schwarzen Abraum verzehren, spricht man von der brennenden Halde. Unweit von ihr bin ich neun Jahre lang zur Schule gegangen. Von der Prämienstraße in Richtung Herzogenrath getrennt, schließt sich die Halde Anna 2 an. Dahinter liegt teils auf Alsdorfer, teils auf Herzogenrather Gebiet die Noppenberger Halde. Sie ist 102 Meter hoch, und ihr Kegel erscheint aus Richtung Herzogenrath optisch wie ein Vulkan. Daneben gibt es noch einige kleinere, zum Teil bereits abgetragene Halden. Eine zählte zum Schacht Gemeinschaft in Duffesheide, eine weitere war der Zeche Nordstern in Herzogenrath-Merkstein angegliedert und liegt nur zum Teil auf Alsdorfer Gebiet.
Jede dieser Halden ist in ihrer Art etwas Besonderes. Renaturierte Industrielandschaft. Teils von Menschenhand begrünt, teils von der Natur selbst wieder in Besitz genommen. Die Halden, alle inzwischen unter Naturschutz, sind aus meiner Sicht eines der wertvollsten Vermächtnisse der Zechenzeit. Einerseits bieten sie Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere, andererseits sind sie für den sensiblen Menschen Ort intensiven Naturerlebens, Ort der inneren Einkehr. Doch wie das nun einmal so ist in Halden City, gab es allerlei merkwürdige Pläne zur Erschließung der künstlichen Berge. Ein emeritierter RWTH-Professor namens Gerhard Curdes machte vor ein paar Jährchen für jede Menge Kohle eine Reihe von Vorschlägen hierzu. Manches davon so abenteuerlich, als hätte Gene Roddenberry, Erfinder der Star-Trek-Saga, als Ghostwriter am Konzept mitgefeilt. Die Rede war von einem Paragliding-Resort, einer rund 30 Meter hohen Skulptur sowie einer Himmelstreppe aus weißem Beton die schwarze Noppenberger Halde hinauf. Und, und, und...
Meiner Ansicht nach ist es in erster Linie dem Umstand zu verdanken, dass Alsdorfs Kassen leer sind, sonst hätte sich unser kommunales Spitzenmanagement die abgedrehten Curdes-Pläne womöglich unreflektiert zu eigen gemacht. Risiken und Nebenwirkungen wie wilder Müll und Vandalismus inklusive.
Auch Alsdorfs fähigster Denkmal-Dezernent Harald Richter hat sich in seinem Buch „Anna - die Halden“ 2003 des Sujets bemächtigt. Ganz auf dem Literateraturtripp feiert der Mann, somit auch zum Halden-Harry geadelt, das Alsdorfer Ensemble als „Himalaya der Jülicher Börde“. Wohlwollend gehe ich davon aus, dass das Buch in seiner Freizeit entstanden ist. Jedenfalls: Die Halden Halden Cities beschäftigen mich weiterhin...