Seit rund anderthalb Jahren gibt es jetzt „Alsdorf für Insider“. In diesem Zeitraum habe ich mich recht eingehend mit der Situation in meiner Heimatstadt beschäftigt. Wann immer etwas nicht funktionierte oder ich über einen Zustand stolperte, den ich als unbefriedigend empfand, stieß ich stets auf die gleichen Argumente. So ist es: Argumente, die immer wieder gern angeführt werden, wenn es darum geht, dass Vertreter der Verwaltung eine vom Bürger zumindest gerne gesehene Leistung nicht erbringen beziehungsweise nicht erbringen wollen.
4. Herr Foerster, woanders sieht es noch viel schlimmer aus…
Freilich, jedes dieser Argumente hat seine Berechtigung. Und dem ersten Anschein nach sind die Aussagen ja auch nicht falsch. Dennoch habe ich angefangen, das eine oder andere Argumentationselement kritisch zu hinterfragen und stoße zumindest gelegentlich auf Ungereimtheiten in der kommunalen Rechtfertigungsstruktur. So habe ich mir vorgenommen, die vier Lieblingsaussagen unseres städtischen Managements einmal im einzelnen aufzugreifen und jeden der vier Standpunkte in einem eigenen Tagebucheintrag näher zu beleuchten. So entsteht eine vierteilige Serie, deren einzelne Beiträge ich in loser Folge ab heute im Tagebüchlein präsentieren möchte.
Und schon geht‘s los mit dem ersten Argument. Es lautet: „Dafür sind wir nicht zuständig". Eine Aussage, die besonders gern von Mitarbeitern des so genannten Präsenzdienstes des Ordnungsamts angewandt wird, beispielsweise wenn diese auf die Existenz von wildem Müll an der östlichen Peripherie Halden Cities hingewiesen werden. Auslöser ist des Bürgers Bitte, eine umgehende Entsorgung per telefonischer Nachricht an den städtischen Bauhof einzuleiten.
Die Jungs in Blau - habe ich mir sagen lassen - beherrschen eine clevere Fragetechnik, die wohl in erster Linie dazu dient, den Bürger zu verunsichern. Um die Sache näher zu veranschaulichen, hierzu ein fiktiver Dialog, der, nehmen wir einmal an, sich in dieser Form in Mariadorf am Dreieck (Foto) zugetragen haben könnte. Die erste Frage des Manns in Blau auf des Bürgers Begehr lautet: „Ja, wo liegt denn der Müll genau?“ Da der Normaleinwohner in der Regel nicht mit Karte, Kompass, Kamera, Notebook sowie Ausrüstung zur Satellitenkommunikation ausgestattet ist, fällt es ihm naturgemäß schwer, auf Anhieb, eine präzise Auskunft zu erteilen. Die Antwort lautet also: „Da hinten im Feld.“ „Aha“, sagt der Präsenzler, zählt einige Landmarken auf und fragt: „Von hier aus gesehen: Davor oder dahinter?“ Antwortet der Bürger - noch mehr verunsichert - und frei von der Leber weg: „Dahinter.“ Ja, dann hat er sofort schlechte Karten. Beziehungsweise der Präsenzler Oberwasser: „Das gehört zum Gebiet der Stadt Eschweiler (alternativ: Würselen). Dafür sind wir nicht zuständig.“ Der Bürger überlegt es sich noch einmal, strengt sämtliche grauen Zellen an und stammelt: „Davor, davor.“ „So, so“, sagt der Ordnungsmann, setzt eine oberstrenge Miene auf und hakt nach: „Wo davor? Auf der Straße oder auf dem Acker?“ Der Bürger gerät ins Schwitzen, nimmt all seinen Mut zusammen und sagt mit zittriger Stimme: „Auf… auf… auf dem Acker.“ Und fängt sich postwendend ein abfälliges Grinsen des Präsenzlers ein: „Guter Mann“, tönt der städtische Bedienstete: „Auf dem Acker! Auf dem Acker, guter Mann. Dafür sind wir nicht zuständig. Das ist Angelegenheit des Bauern. Das muss der Bauer wegräumen.“ In der Regel gibt der Bürger an dieser Stelle entnervt auf. Der Präsenzler fühlt sich wichtig, triumphiert und trinkt in diesem - wohlgemerkt fiktiven Beispiel - seinen Kaffee irgendwo in Mariadorf am Dreieck erst einmal in Ruhe aus.
Diese lustige Episode, wie gesagt, lässt sich leider auch durch ein paar Fakten untermauern. Werfen wir einmal einen Blick in Richtung K 10 - von Mariadorf Dreieck Richtung Eschweiler. Dort befindet sich auf der linken Seite neben einem Feldweg, der nach Warden führt, ein Rückhaltebecken. Und parallel zu K 10 und bewaldeter Rückhalteanlage gibt es ebenso einen schmalen im Anfangsbereich geteerten Feldweg, der seit Monaten eine magische Anziehungskraft auf interkommunal agierende Mülltouristen jedweden Zuschnitts ausübt (Foto). Im September war ich einmal da und habe blaue Säcke, Pokale und allerlei anderes Zeug fotografiert. Inzwischen ist jede Menge weiterer Unrat hinzugekommen. Eine „wilde“ Mülldeponie ist im Entstehen.
Gestern, am 10. November, war ich, und das wird besonders BUND-Mann Helmut Meurer freuen, erneut mit der Kamera da. Und habe zwei, drei Fotos geschossen. Ja, was soll ich sagen? Sieht wirklich unterirdisch aus! Das Kernproblem an der Sache jedoch ist ein anderes: Zwar gehört die Einfahrt zum Wardener Feldweg am Rückhaltebecken zum Stadtgebiet Halden Cities. Der Platz, den rücksichtslose Zeitgenossen zum Müllabladen nutzen, jedoch liegt ein paar Meter weiter östlich und bereits auf dem Territorium der Nachbarkommune Eschweiler. Tja, da heißt es im Alsdorfer Rathaus kurz und bündig: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Formal gesehen, mag das ja zutreffen. Aber wäre es zumindest nicht denkbar, dass ein Alsdorfer Kommunalbediensteter einmal in der Nachbarstadt anrufen und einen dortigen Kollegen um zeitnahe Entsorgung bitten könnte? Doch o-ho: Welch kühner Gedanke! Welch gewagter Vorschlag! Impertinent geradezu.
Denn man stelle sich einmal vor - und jetzt wird‘s wieder satirisch - welche Problematik mit einem solchen Unterfangen verbunden ist. Gehen wir einmal davon aus, dass derjenige, der in dieser Angelegenheit die Verwaltung der Nachbarstadt kontaktieren sollte, ein Alsdorfer Kommunalbediensteter mit einem Verschneckungsgrad von sagen wir - rund 70 bis 80 Prozent - ist. Das heißt: Der braucht für das Erbringen einer definierten Leistung 70 bis 80 mal so lange wie ein vergleichsweise qualifizierter Mitarbeiter aus der freien Wirtschaft. Würde der Verschneckungsgrad indes bei 100 Prozent liegen, käme der Arbeitsprozess vollends zum Erliegen. Es würde sich also nichts mehr bewegen. Doch: Ist das nicht manchmal auch der Fall? Wie auch immer.
Während der junge Mann oder die junge Frau aus der Industrie beherzt zum Telefonhörer greifen, treibt den Alsdorfer Kommunalbediensteten zunächst Grundsätzliches um. „Muuuuuuuuß iiiiiiiiiiiiiiiich deeeeeeeeeeeeennn daaaaaaaaaa wiiiiiiiiiiiiirkliiiiiiiiich aaaaaaaaaanruuuuuuuufeeeeeeeeen?“ fragt er sich. Und die ersten zehn Minuten sind schon einmal rum. Für die eigene Antwort benötigt er weitere 30 bis 40 Minuten. Dann noch eine kurze - etwa zweieinhalbstündige - Rücksprache mit dem Chef, bis schließlich das eingestaubte Telefonbuch auch dem Schreibtisch liegt. „Veeeeeeeeerdaaaaaaaaaammt“, denkt sich der Alsdorfer Kommunalbedienstete, denn Staub auf dem Telefonbuch könne man so ohne weiteres nicht hinnehmen. Da müsse zumindest der Personalrat eingeschaltet und über eine Schmutzzulage diskutiert werden. Schließlich ist Mittag und danach packt man ohne unnötige Hast und Eile, versteht sich, das Täschchen für den Heimweg.
Hinzu kommt noch ein weiterer Umstand: das krasse Ungleichgewicht der Kräfte zwischen interkommunal agierenden organisierten und hoch mobilen Schwarzentsorgern und den bemitleidenswerten Ordnungshütern. Auf der einen Seite die Abfalltouris mit modernsten Geländewagen und Hightech-Ausrüstung, die jeden Winkel des Outbacks mittels GPS, ultraleisen Kleinstflug- und Nachtsichtgeräten ausspähen, um optimale Entsorgungspositionen im Niemandsland zu identifizieren, hinzurasen und blitzschnell abzuladen. Auf der anderen Seite, die technisch weit unterlegenen Präsenzler, die mit Fahrrädern und weißem Klein-Mobil ausgestattet, den Herausforderungen des interkommunalen Mülltourismus in kleinster Weise gewachsen sind und stattdessen lieber Knöllchen schreiben, was den Bürgern in Alsdorf gewaltig auf den Zeiger geht.
In der Wirtschaft, ich meine die richtige, nicht die Eckkneipe, hingegen geht‘s anders zu. Hier steht der Kunde im Mittelpunkt. „Dafür sind wir nicht zuständig“, hört man kaum. Im Gegenteil: „Was nicht passt, wird passend gemacht“, vernahm ich neulich aus dem Gesellschafterkreis jener Firma, in der ich beschäftigt bin. Denn die Zufriedenheit des Kunden ist in jenem Unternehmen aller oberstes Gebot. Und nicht nur in dieser Firma. „Geht nicht, gibt‘s nicht“, lautete jüngst der Werbeslogan einer Baumarktkette. Eine Einstellung, die auch kommunales Wirtschaften erheblich erleichtern könnte. Denn mit einem hohen Maß an Service-Orientierung fühlt sich der Bürger ernst genommen, und ist auch eher bereit, „seiner“ Stadt ein Stückchen davon - sei es durch eine Geld- oder Sachspende beziehungsweise anderweitiges persönliches Engagement - zurückzugeben. Ja, es ist wie überall im Leben - ein Geben und ein Nehmen. Leider siehts in Halden City anders aus: Hier nimmt man gern, gibt dafür dem Bürger allerdings nix zurück. Und wenn‘s auch nur ein Anruf nebenan beim Fachreferat in Eschweiler wäre.
Aber lassen wir‘s damit einmal gut sein. Oder besser: ungut. Jedenfalls: Heute ist der 11.11. und damit Auftakt zur Narrenzeit. Daher wird‘s beim Betrachten der drei übrigen Alsdorfer Argumente für die einen ähnlich humorvoll, für die anderen ähnlich nervend zugehen. Aber alles halb so schlimm. Denn: So habe ich mir jüngst sagen lassen, im Alsdorfer Rathaus kenne man ja meine Website überhaupt nicht... Wie auch immer. In diesem Sinne: Alsdörp Alaaf.