Alsdorf ist Spitze. Selbst in den Nachbarkommunen hat unsere Stadt einen ausgezeichneten Ruf. Vor allem bei einer besonderen Spezies der dort lebenden Einwohner. Jenen nämlich, die für die sach- und fachgerechte Entsorgung von Müll und Gartenabfällen nicht einen Cent bezahlen. Daher steigen sie lieber ins Auto, fahren quer durch ihr Heimatstädtchen, um in Halden City illegal abzuladen. Denn sie wissen: Unser so genannte Präsenzdienst zeigt in erster Linie dort Präsenz, wo man Falschparkern Knöllchen verpassen kann. Vor Kindergärten beispielsweise lauern die Präsenzler im Auto, um in der Abholzeit wie von der Tarantel gestochen herauszuspringen und durch Verteilen ihrer labbrigen rosa Zettelchen rapp-zapp Kohle zu machen. Oder in der Poststraße, Stadtteil Mariadorf, gegenüber vom Blumengeschäft Offergeld. Wer da selbst nach 17:00 Uhr noch auf dem breiten Bürgersteig parkt, tappt in die Knöllchenfalle. Aber illegale Entsorger stoppen? Das ist einerseits zu mühsam für die blau gekleideten Jungs noch bringt es andererseits wirklich Zaster in die Gemeindekasse. Da hält sich das Interesse an diesem Thema bei unseren Ordnungskräften also in Grenzen. In engen Grenzen sozusagen.
Daher ist Halden City offen für jede Form illegaler Entsorgung. Als Müll-Mekka, das magische Anziehungskraft auf Abfallpilger aus dem gesamten Kreis Aachen besitzt, sozusagen. Zumal es ja im Frühjahr immer wieder so eine sonderbare Reinigungsaktion des Stadtmarketingvereins gibt. Doch kaum ist die letzte Lobeshymne auf die wackeren freiwilligen Unratsammler in den regionalen Medien verklungen, sieht’s wieder dreckig aus wie zuvor. “Das hat sowieso keinen Zweck, an einer solchen Aktion teilzunehmen”, offenbarte mir kürzlich ein Mitglied einer Alsdorfer Ratsfraktion und verwies auf den Drang mancher Zeitgenossen, die Gegend unmittelbar darauf wieder zuzumüllen, um ein paar Kröten für die Abfuhr zu sparen. In erster Linie hat der Kommunalpolitiker mindestes 700 Alsdorfer Einwohner im Visier, Mitbürger, die im Vorjahr nicht ein einziges Mal für die Entsorgung des Mülls ihrer Haushalte zahlten. Das heißt: Nicht ein einziges Mal innerhalb von 365 Tagen haben diese Leute einen Kübel, egal welcher Farbe und Verwendung, vor die Tür gestellt. Bei einer geschätzten Zahl von rund 15.500 Haushalten in Halden City entspricht dies einem Anteil von rund 4,5 Prozent.
Die Frage sei also gestattet: Was um alles in der Welt haben die Leute mit ihrem Müll gemacht? Mit zur Arbeit genommen - und dort im Container vom Chef entsorgt? In öffentliche Mülleimer gestopft? Auf der Fahrt zur Arbeit aus dem Autofenster in die Landschaft geschmissen? Tja, alles ist möglich. Von all diesen Entsorgungsvarianten habe ich bereits gehört. Allerdings ist mir noch nie ein Alsdorfer Abfuhrmuffel persönlich begegnet. Dafür sind mir zwei Fälle von Bürgern anderer Kommunen bekannt - aus Herzogenrath und einer anderen Nachbarstadt im Osten Halden Cities. Menschen, die ganz gerne unsere wunderschöne Heimatstadt zum Zwecke illegaler Entsorgung aufsuchen. Über den Fall der Herzogenrather Familie, die quer durch Halden City gurkte, um an der Grenze zu Eschweiler - und auf Eschweiler Gebiet - im großen Stil abzuladen, habe ich bereits berichtet.
Nun jedoch kommt ein weiterer Fall hinzu. Und den habe ich zufälligerweise kürzlich live miterlebt.Als Freund kriminalpsychologischer Literatur interessierte ich mich übrigens schon lange für das Profil, wenn nicht gar das Psychogramm eines illegalen Entsorgers. Fragen wie diese bewegten mich: Was sind das bloß für Leute, die ihren Dreck in die Natur schmeissen? Wie sehen sie aus? Haben sie Gangstervisagen oder Engelsgesichter? Sind sie skrupellos oder ignorant? Abgebrüht oder naiv? Nun, inzwischen weiß ich etwas mehr: sie sehen aus wie du und ich - und kommen zuweilen daher, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Denn einen von ihnen haben mein Freund Helmut Meurer, seit mehr als 25 Jahren profilierter Umweltschützer, und ich in Flagranti erwischt. An der Peripherie Halden Cities. Beim Abladen. Da ich selbst dem Genre Reality TV nicht unaufgeschlossen gegenüber stehe, habe ich die Begegnung mit dem Müllsünder auch fotografisch festgehalten, sehe jedoch zum Schutz der Persönlichkeitsrechte des Betroffenen von der Veröffentlichung ab. Lesen Sie daher nun die schier unglaubliche Geschichte von Alfons P. aus H. (Name von der Redaktion geändert), einem illegalen Entsorger.
Es begab sich im April 2007. Vor wenigen Wochen also. Nach einem längeren Spaziergang in vierbeiniger Begleitung fuhren Helmut M. und meine Wenigkeit in der Abenddämmerung mit dem Automobil die K 10 von Mariadorf / Dreieck in Richtung Eschweiler. Ich saß am Steuer. Da ich eher langsam fahre, fiel mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Fahrzeug auf, das dort hielt. “Hat der Mann eine Panne?”, dachte ich. Da fiel mir bei einem Blick in den Rückspiegel auf, dass der Kofferraum seines Wagens nicht verschlossen, sondern nur notdürftig gesichert war. Sofort schoss es mir durch den Kopf: “Der hat Müll.” Ich fuhr den “Alten Römerweg” in Richtung Begau hinein und wendete dort. “Ich glaube, da will jemand bei uns Müll abladen”, sagte ich Helmut, dem es gelungen war, mich auf zahlreichen Spaziergängen für dieses Thema zu sensibilisieren. Der erfahrene Öko-Detektiv übernahm sofort die Regie und gab mir genaue Instruktionen, wie nun zu fahren sei. Und tatsächlich. Wir fuhren zur K 10 zurück und sahen, wie das Fahrzeug nun in Richtung Eschweiler unterwegs war. Vor der Einfahrt zu einem kleinen bewaldeten Rückhaltebecken setzte der Fahrer den Blinker und bog ab. Wir setzten unsere Fahrt wenige hundert Meter fort. An einem Feldweg auf er rechten Seite wendeten wir, fuhren zurück und bogen ebenfalls ab - zum Rückhaltebecken.
Und siehe da. Dort stand das Auto mit weit geöffnetem Kofferraum. Inhalt: sechs blaue Säcke mit Grünschnitt. Daneben ein Mann mit etwas größeren Arbeitshandschuhen. Zum Abladen bereit. Er staunte nicht schlecht, als Helmut M. aus dem Auto sprang und ihm zurief: “Wollt Ihr da Müll abladen? Ihr wisst doch, dass das verboten ist!” Der Mann, Alfons P., Rentner aus H., gab klein bei. Zumal sich die vierbeinige Fraktion im hinteren Abteil meines Automobils plötzlich und mit Getöse zu Wort meldete. Nach einer Belehrung durch Helmut M. fasste sich Alfons P. und versuchte sich zu rechtfertigen. Vor einiger Zeit sei er schon einmal hier gewesen, berichtete er. Mit dem Mofa. Als er eine Panne hatte, empfahl ihm ein Landwirt, der zufällig vorbei gekommen sei, seinen Abfall “in das Loch da zu kippen.” “Das müsse doch sowieso zu, hat der Bauer gesagt”, berichtete der Müllsünder. Helmut M. konterte sofort: “Wenn ich euch sagen würde: schmeißt dem Bauer ein Fass Öl auf den Acker - würdet Ihr das auch tun?” “Nö”, sagte Alfons P. und schwieg einstweilen. Leider vollzog sich der Dialog in rheinischem Platt, dem ich nicht wirklich mächtig bin. Daher ist es mir nicht möglich, manche der wunderbaren Facetten dieser Unterhaltung pointiert wiederzugeben.
Während Helmut M. die Personalien des Mülltouristen aufnahm, um Anzeige zu erstatten, fasste Alfons P. erneut Mut und begann zu argumentieren. “Ich habe doch noch gar nichts gemacht”, sagte er. “Es ist doch noch nichts ausgeladen”. Erneut konterte Helmut M. “Und wofür habt Ihr die Arbeitshandschuhe an? Wolltet Ihr euch damit eine Zigarette anzünden?” Der Rentner schwieg erneut. Mit immer noch vollem Kofferraum ließen wir ihn schließlich ziehen. Und die Moral von der Geschicht: Schwarz entsorgen, klappt manchmal selbst in Halden City nicht.