In wenigen Tagen, am 26. Mai, jährt sich der Start des Musicals Gaudí zum zwölften Mal. Eigentlich keine große Sache, zumal ich bereits im Vorjahr Gaudí einen Tagebucheintrag widmete. Wäre da nicht Hanno Neustadt, mein lieber ehemaliger Kollege vom Privatfernsehen, der für sage und schreibe 14 Tage Public-Relations-Manager des Unterhaltungszirkus in Alsdorf war. Und da Hanno kürzlich Kontakt zu mir aufgenommen hat, bat ich ihn, als Zeitzeuge quasi, seine Eindrücke von damals für mein Tagebuch zusammenzufassen. Hanno Neustadt (Foto unten), geboren in Köln, lebt heute in Leipzig und arbeitet als Polizei- und Gerichtsreporter für den Mitteldeutschen Rundfunk. Lesen Sie hier seinen Gastbeitrag:
Abenteuer in "Transsylvanien"
Von Hanno Neustadt
Meine erste und bislang einzige Begegnung mit Alsdorf liegt jetzt etwas über 11 Jahre zurück und ich hätte sie längst verdrängt, wäre ich da nicht im Netz über die wunderbare Homepage meines alten Kollegen Udo Foerster gestolpert. Er schildert dort die Anfänge des Musicals "Gaudí" im Jahr 1995, bei denen ich kleinster Teil zu sein die bescheidene Ehre hatte. Im folgenden soll es genau darum gehen - Bühne frei für ein kurzes, absurdes Musiktheater der banalen Art.
Es fing eigentlich alles mit einer totalen Erschöpfung meinerseits an. Nach meinem Abgang bei der Pressestelle von RTL wechselte ich in die Nachrichtenredaktion des Senders - genauer gesagt zum damaligen Morgenmagazin "Punkt 7". Das bedeutete Nachtarbeit total und nach einem Jahr mit Arbeitszeiten von 0:30 Uhr bis 9:00 Uhr ging ich buchstäblich am Stock. Ein neuer Job bei Tageslicht musste her, und so traf es sich gut, als mir eine Kollegin von einer Musicalproduktion im Raum Aachen erzählte, die dringend einen PR-Redakteur suche. Also meldete ich mich telefonisch bei der "Gaudí Musical GmbH" und reiste nach Alsdorf. Das Vorstellungsgespräch ging sauber über die Bühne - bereits nach einer Viertelstunde war ich mir mit Friedrich-Carl Coch, dem Chef des Unternehmens, der amtierenden Pressechefin sowie dem Marketingleiter der Firma einig. Begeistert war ich zudem als "Alan Parsons Project"-Fan, dass das Musical aus der Feder des von mir sehr verehrten Eric Woolfson stammte. Zwei Wochen später fing ich also dort an.
Leider stellten sich die Dinge etwas anders dar als geplant. Eigentlich hätte ich die Pressesprecherin unterstützen sollen, doch kaum war ich da, flog die Kollegin kurzerhand raus. Nach wenigen Tagen schon eine Beförderung, das kam mir buchstäblich spanisch vor - eben bizarr Gaudí-mäßig wie die Sagrada Familia, Gaudís bis heute nicht fertig gestellte Kathedrale in Barcelona. Ich bekam protzige Visitenkarten mit dem Titel "Public Relations Manager" sowie einen Arbeitsvertrag mit einem wesentlich weniger fürstlichen Gehalt. Obwohl misstrauisch ob des schnellen Abgangs meiner Vorgängerin, ging ich voller Begeisterung ans Werk.
Irgendwie hatte ich die ganze Sache falsch eingeschätzt. Ich wurde zwar stutzig, als ich von Udo F. erfuhr, dass der gute Herr Coch keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet von Konzertveranstaltungen und Event-Tourismus hatte - der aristokratisch wirkende ehemalige Bundeswehr-Offizier war vielmehr Chef des ortsansässigen Schallplatten-Presswerks. Doch noch immer dachte ich mir nichts Böses, denn die Kollegen waren nett und im ehrwürdigen Aachener Stadttheater fand alsbald eine ebenso professionelle wie beachtete "Audition" statt, bei der die Besetzung ausgewählt wurde - allen voran der Broadway-Star Martin Moss. Meine diesbezüglichen Pressemiteilungen wurden von den rheinischen Medien gut angenommen - doch umso entsetzter war meine Reaktion, als ich erfuhr, dass die Produktion nicht etwa in Aachen, sondern in Alsdorf stattfinden sollte.
Nichts gegen Alsdorf, doch ob ein Musical in einer eher unspektukulären ehemaligen Bergarbeiterstadt Publikum zieht, das bezweifelte ich schon sehr. Dazu kam die Spielstätte: die Stadthalle, kurzerhand in "Gaudí Musical Hall" umbenannt. Sofort traf ich mich mit Udo F., der ja aus Alsdorf kommt, um ihm meine Bedenken mitzuteilen. Wörtlich sagte ich: "Lieber Udo, das hier ist kulturell doch Transsylvanien, wer soll hier schon ein Musical besuchen?" Auch meinem Ex-Kollegen war dies einen herzhaften Lacher wert, erschien das ganze Projekt durch und durch gigantomanisch - wie die Errichtung einer Kathedrale in der Wüste.
Hintergrund des ganzen war, dass Musical-Chef Coch hinter den pompösen Kulissen zum Sparen gezwungen war, denn so einfach wie anfangs gedacht, ließ sich eine solche Produktion nicht realisieren. Und bereits wenige Tage später kam es zum offenen Streit mit dem Chef. Der wollte einen Stand auf der ITB, der Internationalen Tourismus-Börse, in Berlin aufbauen - doch PR und Pressearbeit sollten ausgerechnet bei einem solchen Mega-Event nicht stattfinden. Entsetzt schmiss ich die Brocken nach gerade mal 14 Tagen hin und kehrte zu meinem alten Nachtarbeitsplatz bei RTL in Köln zurück.