Der Frühling kommt. Es ist außergewöhnlich heiß und trocken. Zwischen den Trümmern schlagen junge Bäume aus. Birken, soweit ich es von weitem erkennen kann. Frisches Grün. Vor einem Jahr war ich schon einmal an diesem Platz an der Eschweiler-Straße, Ecke Carl-Zeiss-Straße. Ein magischer Ort? Nicht wirklich. Es ist ein Besuch von “Alsdorfs Akropolis”, der ewigen Ruine. Hier stand einmal die Teppichhandlung Rot, die am 27. Mai 2001 durch ein mächtiges Feuer zerstört wurde. Rund 200 Teppichrollen und etwa zwei bis drei Tonnen Teppichkleber fielen unter anderem den Flammen zum Opfer. Dazu jede Menge PVC-Bodenbeläge. Ein Inferno - Riesenrauchsäule und Riesengestank inklusive. Ursache: schwere Brandstiftung. Eigentümer Rudolf Rot selbst hatte gezündelt. Dafür verurteilte das Aachener Landgericht den insolventen Unternehmer am 22. März 2002 zu einer dreijährigen Haftstrafe. Kosten für den Feuerwehreinsatz: schlappe 50.000 Euro. Als alter Nostalgiker und Freund kriminalhistorischer Orte habe ich beschlossen, mir den ehemaligen Tatort auch in diesem Jahr noch einmal von außen anzuschauen und nachzusehen, ob sich etwas verändert hat. Und in der Tat. Es sind Veränderungen sichtbar. Der Frühling zieht wieder ins Land. Explosionsartig entfaltet sich Grün zwischen den Rot-Trümmern. Eine rot-grüne Koalition der besonderen Art. Dazu wilder Müll - das Übliche in Halden City.
Darüber hinaus ranken sich auch in diesem Jahr jede Menge Geschichten, Geschichtchen und Gerüchte um diesen Platz. Zunächst die auf den ersten Blick positive Nachricht: 2006 endlich machten die Verantwortlichen im Alsdorfer Rathaus Nägel mit Köpfen und strebten die Zwangsversteigerung des Trümmergrundstücks durch das Amtsgericht Aachen an. Und, man höre und staune, sie waren sogar in der Lage, Kosten für Gutachten und Gericht, wie es sich in einem solchen Falle gehört, vorzufinanzieren. Und sonst: Vertreter eines niederländischen Unternehmens seien gesichtet worden. Diese hätten inzwischen Metallschrott vom Ruinengelände abtransportiert, habe ich erfahren. Darüber hinaus ist die Rede davon, dass eine Fastfood-Kette ein so genanntes Drive-In-Restaurant an diesem Platz errichten möchte.
Hinzu kommt eine Information, die, sollte sie zutreffen, jede Menge Sprengstoff enthält. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht um rund 10.000 Liter Heizöl, die in einem Tank noch immer unter den Trümmern schlummern sollen. Stimmt die Sache, könnte man von einer ökologischen Zeitbombe ausgehen. Denn: Entstünde nur ein kleiner Riss im Behälter, wäre eine erhebliche Verseuchung von Erdreich und Grundwasser die Folge. Denn wir müssen bedenken: Nur ein Literchen Öl kann eine Million Liter Wasser verseuchen. Die wahre Pest. Auch illegales Abpumpen oder Vandalismus hätten katastrophale Auswirkungen.
Was tun? Kurz entschlossen bitte ich meinen fachkundigen Freund Helmut Meurer um Unterstützung. Der Mann - seit über 25 Jahren aktiver Umweltschützer und Mitglied der BUND-Kreisgruppe Aachen-Land - stattet dem Gelände einen Besuch ab und bringt erschütternde Fotos mit. Der Bauzaun, aufgestellt mit gewohnter Alsdorfer Präzision und selbstverständlich akribisch überwacht, ist an fünf Stellen offen. Bequem kann man hier an vier Punkten neben Teilen der provisorisch wirkenden Absperrung vorbei auf das Gelände gelangen. Dazu fehlt auf einer Länge von rund zehn Metern gegenüber der Bushaltestelle an der Carl-Zeiss-Straße der Zaun komplett. Hier ist sogar zwischen Sträuchern ein Trampelpfad entstanden, um das Trümmergelände ungehindert betreten zu können. Einzig und allein: Es fehlt ein Schild mit der Aufforderung: "Hereinspaziert!"
Außerdem ist das dahinter liegende große Tor des ehemaligen Firmen-Areals geöffnet. Helmut berichtet: Schon beim Betreten der Rot-Ruine gibt’s eine beunruhigende Entdeckung. Metallfässer, unter anderem mit der Aufschrift Methylalkohol, sind aufgestapelt. In den rostigen Behältern befindet sich noch undefinierbare Flüssigkeit. Durch ein Trümmerfeld und riesige Abfallhaufen, vorbei an Bergen von PVC-Rohren, geht es in Richtung ausgebrannter Garagen. Graffiti und im Kreis angeordnete Sitzgelegenheiten zeugen von einem Jugendtreff der etwas anderen Art. Dann weiter zum Tank. Es riecht nach Heizöl, berichtet er. Der ehemalige BUND-Vorsitzende des Kreises Aachen klopft im oberen Bereich gegen den grünen, im unteren Bereich angerosteten Metallbehälter. Bum. Bum. Hohl. Er kann nicht weiter unten klopfen, weil der verrottende Tank im metertiefen Wasser steht. Nach einer weiteren Überprüfung ist zu vermuten, dass sich unter dem riesigen Ölbehälter anscheinend noch ein weiterer befindet. Leer? Noch voll? Fragen über Fragen.
Nebenan, in einem großen Kellerraum: Randvolle, beziehungsweise durch Feuereinwirkung aufgeplatzte und übergequollene Eimer und andere Behältnisse mit erstarrtem, undefinierbarem Inhalt - der Kellerboden bedeckt mit ehemals flüssigem Teufelszeug, Regenwasser kann eindringen… “Unglaublich”, entrüstet sich mein Freund Helmut - "eine tickende Zeitbombe, besonders, wenn hier Vandalen mit Brandbeschleunigern Feuer legen!"
Ein weiterer Nebenraum mit Aktenordnern voller Geschäftspapiere, die vor sich hin gammeln, weitere Geschäftsunterlagen auf dem Trümmergelände verstreut. All das interessiert ihn fast nicht mehr. Helmut fasst seine Eindrücke zusammen: “Udo, ein Umweltskandal, wie er im Buche steht”, sagt er wütend. Ich schüttele nur den Kopf. Aus Erfahrung weiß ich leider inzwischen: In Halden City muss man mit allem rechnen. Und dieses Areal - im Fachjargon Industriebrache genannt - wollen die cleveren Jungs aus der City Hall also versteigern lassen. Fragt sich nur, wer da die Katze im Sack kauft und die immensen Kosten für die fachgerechte Entsorgung der Altlasten übernimmt? Fragt sich auch, wieviel von dem Dreck bereits in den Boden eingedrungen ist?
Während Helmut Meurer die Rot-Ruine inspizierte, wandte ich mich der gegenüber liegenden Straßenseite zu. Dort nämlich befand sich ein “Havaria”-Markt. Und der hat - Nomen est Omen - vor einiger Zeit bereits dicht gemacht. Und auch ein Unternehmen mit dem hübschen Namen “Kaufrausch”, das kurz darauf einige Zeit im Havaria-Gebäude angesiedelt war, ist wieder verschwunden. Kaum rein, schon wieder raus. Das war’s. Und tschüss. Was die Betreiber dieses Restehandels mit teils demolierter oder Ausschussware allerdings nicht davon abhielt, einen Teil des ohnehin gewöhnungsbedürftigen Warenbestands - Ramsch ist noch fein ausgedrückt - gleich da zu lassen.
So gammeln Blumentöpfe, Kunststoffbehälter und allerlei anderes Zeug zum Teil unter freiem Himmel auf dem Gelände vor sich hin. Tja, so ist das nun einmal in Halden City: Eine Attraktion kommt selten allein. Neben der skandalträchtigen Rot-Ruine nun die Havaria-Havarie und das Ende des Kaufrauschs. Das zieht megamäßig runter. Dennoch ein Lichtblick: Ein kleines Schild am Havaria-Gebäude deutet an, dass im Mai an dieser Stelle wieder ein Geschäft an den Start gehen will.